Spaltet die Minarett-Initiative Christen?

Die Minarett-Initiative wird in christ­li­chen Krei­sen kon­tro­vers, hart und lei­der nicht immer fair dis­ku­tiert. Auch in der *jevp sind sowohl zustim­mende wie auch ableh­nende Voten zu fin­den. Sara Fritz, Birs­fel­den BL, Land­rä­tin und Co-Präsidentin der *jevp sowie Roman Rutz, Wil SG, Co-Präsident der *jevp erklä­ren, wes­halb sie „Ja“ resp. „Nein“ zur Initia­tive stim­men und wie sie trotz unter­schied­li­cher Mei­nung zusam­men arbei­ten kön­nen ohne am Glau­ben des ande­ren zu zwei­feln.

Sara und Roman, an der MV der *jevp in Bern habt ihr in Refe­ra­ten für die Ja- resp. die Nein-Parole der *jevp gewor­ben. Wie wirkt sich eure gegen­tei­lige Hal­tung auf eure Zusam­men­ar­beit im Prä­si­dium aus?

Roman: Wenn über­haupt, dann posi­tiv! Gegen­tei­lige Mei­nun­gen und kon­tro­verse Dis­kus­sio­nen erwei­tern immer den eige­nen Hori­zont, eigene Anlie­gen und Argu­mente wer­den hin­ter­fragt und dann gefes­tigt oder über den Hau­fen gewor­fen.

Sara: In unse­rer Par­tei gibt es Gott sei Dank kein Par­tei­dik­tat. Nur wenn unter­schied­li­che Mei­nun­gen vor­han­den sind, kann eine span­nende und kon­tro­verse Dis­kus­sion ent­ste­hen. Für mich ist es wich­tig, dass wir mit Men­schen, wel­che eine andere Mei­nung haben respekt­voll umge­hen. Das heisst nicht, dass ich meine Argu­mente nicht ein­bringe, aber ich ver­su­che, sach­lich zu blei­ben.

Was löst die­ser Satz bei dir aus: „Ich bin ent­täuscht, dass Leute die sich Chris­ten nen­nen Ja/Nein zur Minarett-Initiative sagen!“?

Sara: Die­sen Satz kann ich nicht ver­ste­hen. Es gibt so viele The­men, in wel­chen sich Chris­ten nicht einig sind. Ein gutes Bei­spiel für diese Anders­ar­tig­keit sind für mich immer die unter­schied­lichs­ten Frei­kir­chen. Alle beru­fen sich auf den glei­chen Gott und trotz­dem fei­ern sie so unter­schied­lich Got­tes­dienst. Da ist es für mich nur logisch, dass wir auch bei Abstim­mungs­the­men unter­schied­li­che Mei­nun­gen haben – auch oder gerade bei der Mina­ret­t­in­itia­tive.

Roman: Sol­che Sätze ver­let­zen und ent­täu­schen mich! Es darf doch nicht sein, dass wir uns gegen­sei­tig den Glau­ben abspre­chen, weil wir poli­tisch eine andere Mei­nung ver­tre­ten. Gott hat uns nicht den Auf­trag gege­ben zu rich­ten, son­dern dass an unse­rer Liebe unter­ein­an­der die Welt Gott erken­nen soll.

Wie ist es erklär­bar, dass Men­schen, die an den­sel­ben Gott glau­ben, poli­tisch völ­lig ver­schie­dene Mei­nun­gen ver­tre­ten kön­nen?

Roman: Gott hat jeden Men­schen ver­schie­den geschaf­fen. Also gehen wir auch aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln an Pro­bleme heran und kom­men so zu ver­schie­de­nen Lösun­gen. Genauso wie es ver­schie­dene Kir­chen mit ver­schie­de­nen Schwer­punk­ten gibt, braucht es auch in der Poli­tik Chris­ten mit ver­schie­de­nen Schwer­punk­ten.

Sara: Ich habe schnell gemerkt, dass die Bibel mir zwar als Grund­lage für mein poli­ti­sches Han­deln sehr hilf­reich ist, diese aber trotz­dem kein Rezept­buch ist. Für viele Fra­gen des Lebens lie­fert die Bibel eben keine Pau­scha­l­ant­wor­ten. Da müs­sen wir abwä­gen und sel­ber nach­den­ken. Und so kann es eben dazu kom­men, dass nicht alle zum glei­chen Schluss kom­men, obwohl beide Sei­ten Bibel­verse zitie­ren um ihre Mei­nung zu unter­mau­ern.

Sara, du befür­wor­test die Minarett-Initiative. Wes­halb?

Sara: In mei­nem wei­te­ren Bekann­ten­kreis sind einige Mus­lime.  Ich ver­stehe mich gut mit die­sen Men­schen. Es geht mir nicht darum, alle Mos­lems in den glei­chen Topf zu wer­fen und sie alle als Ter­ro­ris­ten zu bezeich­nen. Im Gegen­teil: Die Mehr­heit der Mos­lems, wel­che in der Schweiz lebt, ist gut inte­griert und hat auch kein Inter­esse an einem radi­ka­len Islam. Des­halb bin ich der Mei­nung: Solange sich Mos­lems  an unsere Gesetze hal­ten, sol­len sie auch das Recht haben, ihren Glau­ben in der Schweiz aus­zu­le­ben. Aber dafür braucht es kein Mina­rett. Mina­rette wer­den weder im Koran noch in den hei­li­gen Schrif­ten des Islams erwähnt. Und tau­sende Moscheen welt­weit haben kein Mina­rett.

Mina­rette wer­den von eini­gen Mos­lems als Zei­chen des Macht­an­spru­ches (Sie­ges­säule) des Islams ange­se­hen. Vom Mina­rett herab ruft nor­ma­ler­weise ein Muez­zin auf Ara­bisch fünf Mal am Tag den isla­mi­schen Gebets­ruf (adhan) „Allah ist grös­ser!“ aus. Ich bin der Mei­nung, dass wir dem Islam nicht einen so hohen Stel­len­wert in unse­rer christ­lich gepräg­ten Kul­tur ein­räu­men dür­fen. Auch wenn es nicht zwin­gend ist, dass nach dem Bau eines Mina­retts auch der Gebets­ruf ertönt, so habe ich doch die Befürch­tung, dass es schwer wer­den könnte, zu einem spä­te­ren Zeit­punkt die Gebets­rufe zu ver­bie­ten, wenn wir jetzt Mina­rette zulas­sen.

Oft argu­men­tie­ren die Geg­ner der Initia­tive damit, dass die Initia­tive gegen die Schwei­ze­ri­sche Bun­des­ver­fas­sung ver­stosse. Die Bun­des­ver­fas­sung schützt die Reli­gi­ons­frei­heit und die Kul­tus­frei­heit (Art. 15). „Den Anhän­gern jeden Glau­bens wird das Recht gewähr­leis­tet, sich zur gemein­sa­men Glau­bens­aus­übung zusam­men­zu­fin­den.“ Jedoch ver­pflich­tet die Bun­des­ver­fas­sung Bund und Kan­tone auch, den reli­giö­sen Frie­den im Land zu wah­ren (Art. 72). Sie ver­pflich­tet damit zu reli­giö­ser Tole­ranz: Der reli­giöse Allein­ver­tre­tungs­an­spruch mit sei­ner Absage an jede Tole­ranz gegen­über Anders­gläu­bi­gen –  wie er mit dem Mina­rett als Sie­ges­säule des Islams und dem even­tu­el­len Gebets­ruf (Allah ist grös­ser!) zum Aus­druck gebracht wird – geniesst damit kei­ner­lei Ver­fas­sungs­schutz. Mir ist wich­tig zu beto­nen: Die Initia­tive will kein gene­rel­les Ver­bot von reli­giö­sen Bau­ten. Nie­mand will den Bau von Gebets­häu­sern zur Aus­übung irgend­wel­cher Reli­gio­nen ver­bie­ten.

Ich kann auch nicht ver­ste­hen, wes­halb wir immer tole­rant sein sol­len, wäh­rend in etli­chen mus­li­mi­schen Län­dern gegen­über Chris­ten über­haupt keine Tole­ranz gezeigt wird.  Tole­ranz gegen­über Into­le­ranz ist falsch und auf die Dauer ver­häng­nis­voll!

Roman, wieso stimmst du „Nein zur Initia­tive?

Roman: Ich bin der Mei­nung, dass die Initia­tive keine Pro­bleme löst, die mit der Zunahme der mus­li­mi­schen Bevöl­ke­rung in der Schweiz ent­ste­hen. Die Argu­men­ta­tion der Befür­wor­ter beinhal­tet häu­fig fol­gende Pro­blem­be­rei­che: Zwangs­ehe, Scharia-Einführung, schlei­chende Isla­mi­sie­rung, Muezzin-Ruf, etc. Wenn also damit argu­men­tiert wird, muss ich fra­gen, wel­che Aus­wir­kun­gen ein Minarett-Verbot in der Ver­fas­sung auf diese Pro­bleme hat. Für mich hat es keine! Es wird keine Zwangs­ehe weni­ger geben, wenn kein Mina­rett steht, die For­de­rung nach Scharia-Gesetz und dem Muezzin-Ruf wird so oder so kom­men (und kann ohne wei­te­res mit Beru­fung auf die Ver­fas­sung und die Reli­gi­ons­frei­heit vehe­ment zurück­ge­wie­sen wer­den!) und es wird keine mus­li­mi­sche Fami­lie aus­wan­dern oder weni­ger Kin­der haben ohne Mina­rette.

Hin­ge­gen müs­sen wir offen zuge­ben, dass wir bewusst einer Reli­gion (Islam) Rechte ver­wei­gern, die wir allen ande­ren Reli­gio­nen gewäh­ren. Dies ver­stösst staats­po­li­tisch gese­hen gegen die Rechts­gleich­heit und ist des­halb eine klare Dis­kri­mi­nie­rung von Mus­li­men. Wei­ter müs­sen wir sehen, dass wir mit einem Ja zur Initia­tive Mus­lime brüs­kie­ren. Die Gefahr eines kul­tu­rel­len Rück­zugs und damit einer Par­al­lel­ge­sell­schaft oder gar einer Radi­ka­li­sie­rung besteht, sicher aber wer­den die Mus­lime in ihrer Ableh­nung gegen­über dem Chris­ten­tum bestärkt und es wird für Chris­ten schwie­ri­ger, den Glau­ben an Chris­tus glaub­wür­dig wei­ter­zu­ge­ben.

Selbst­ver­ständ­lich habe auch ich keine Freude an einem Mina­rett in mei­ner Stadt, da ich lie­ber in einem christ­li­chen Umfeld leben und wir­ken würde. Ich muss mich aber fra­gen, ob es legi­tim ist, mei­ner  Abnei­gung gegen­über Mina­ret­ten mit einem gene­rel­len Ver­bot zu begeg­nen. Ich habe den Ein­druck, dass es gar nicht um Mina­rette geht, son­dern dass wir uns gene­rell gegen Mus­lime, Moscheen und deren Ein­fluss weh­ren möch­ten. Mit dem Mina­rett bekämp­fen wir den sicht­ba­ren Teil des Islams in der Schweiz. Nur: Wenn das Mina­rett ver­bo­ten ist, blei­ben alle Moscheen und Gebets­häu­ser beste­hen und alle Mus­lime blei­ben in der Schweiz; ein­fach nicht sicht­bar in Form eines Mina­retts. Pro­bleme haben wir damit aber keine gelöst, mög­li­cher­weise aber neue geschaf­fen.

 Jesus sagt: „Alles nun was ihr wollt, dass euch die Leute tun sol­len, das tut ihnen auch.“ Eine Dis­kri­mi­nie­rung und Ein­schrän­kung in der Rechts­gleich­heit kann nicht sein, was ich mir per­sön­lich wün­sche. Des­halb stimme ich nein zur Minarett-Initiative.

Was sind eure Hoff­nun­gen, nach dem 29. Novem­ber?

Roman: Meine Hoff­nung ist, dass wir die Ängste der Bevöl­ke­rung ernst neh­men und all­fäl­li­gen Miss­bräu­chen sei­tens der Mus­li­men vehe­ment ent­ge­gen­tre­ten. Wir müs­sen von allen Migran­ten (ob Mus­lime oder nicht) eine voll­stän­dige Inte­gra­tion for­dern, fehl­bare ver­zei­gen und Extre­mis­ten aus­wei­sen. Wei­ter soll­ten wir Chris­ten den Mus­li­men mit Respekt ent­ge­gen­tre­ten, Begeg­nun­gen suchen und ihnen die Inte­gra­tion in die Schweiz, in unsere Kul­tur und Werte ermög­li­chen. 

Sara: Ich wün­sche mir zwei Dinge:

Ers­tens, dass wir Chris­ten uns ver­söh­nen. Diese Initia­tive hat viel Zwie­spalt gesät und zum Teil sogar Hass geschürt. Aber Jesus sagt, dass wir ein Leib sind. Das kön­nen wir nur sein, wenn wir uns für Feh­ler und Anfein­dun­gen ent­schul­di­gen und ein­an­der ver­ge­ben.

Und zwei­tens, dass wir auf Mos­lems in unse­rem Land zuge­hen und in ihnen nicht eine Bedro­hung sehen, son­dern Men­schen, die auf der Suche nach Sinn und ewi­gem Leben sind. Die zuneh­mende Migra­tion ist eine gewal­tige mis­sio­na­ri­sche Chance für uns – nüt­zen wir sie?